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Währenddessen (7. November 1014) zog mein
Vetter Werner, jugendlich unbedacht und durch weibliche Ränke veranlasst, am Sonntage
mit wenigen Begleitern nach der Burg Beichlingen, überlistete die Wachen und suchte
die früher von ihm umworbene Burgherrin Reinhilde gegen ihren Willen zu rauben.
Sie hatte nämlich früher dem Kaiser das feste Versprechen gegeben, ohne sein
Wissen und Wollen werde sie sich keinem Manne vermählen. Und so ließ sie
sich nur unter Weinen und Klagen entführen. Als das ihre Hörigen und Vasallen
hörten, eilten sie gewaffnet herbei, und Vulrad, einer von ihnen, erhielt eine
schwere Wunde.
Nun wollte aber eine ihrer Mägde gleichfalls mitgenommen
werden, und als der edle Alwin sie auf Befehl seines Herren aufnehmen wollte, wurde
er umringt und musste meinen Vetter, der schon wieder draußen war, zu Hilfe rufen.
Leider erhielt er den Todesstoß, bevor er Unterstützung erhalten konnte,
und als sein Herr endlich kam, wurde er in der Burg eingeschlossen und von einem Knechte
verwundet. Er konnte ihn wohl gleich mit der Lanze durchbohren, an die Wand spießen
und die übrigen dadurch abschrecken, sich näher an ihn heranzuwagen. Als
er aber merkte, dass die Seinen mit der Frau schon längst draußen waren,
er jedoch keine Gelegenheit mehr habe zu entkommen, opferte er plötzlich sein
Pferd, sprang von der Mauer herab und erreichte seine bekümmerten Gefährten,
wenn auch von Steinwürfen hart mitgenommen. Sie brachten ihn in das Haus eines
kaiserlichen Meiers nach Wiehe, wo sie ihn mit wenigen Leuten zurückließen.
Dann führten sie in aller Eile die Dame fort und bargen sich mit ihr bald hier,
bald dort, während sie in ständiger Sorge auf das Kommen ihres Herren warteten.
Doch der "ungerechte Verwalter" (Luc. 16, 8) verriet seinen kranken Gast
sogleich an den Kaiser und zwar zu dessen großer Freude. Er wollte nämlich
zum abschreckenden Beispiel für andere den in seine Gewalt geratenen entweder
hinrichten oder sich für eine außerordentliche Summe loskaufen lassen.
Es war bereits Nacht, als die vom Kaiser entsandten Grafen Bernhard,
Gunzelin und Wilhelm mit ihren Mannen an seinem Krankenlager eintrafen. Werner, dem
seine Leute ihr Kommen angezeigt hatten, begrüßte nur seinen Freund Wilhelm,
den beiden anderen erklärte er: Könnte er sein Schwert brauchen, so wäre
er nicht lebend in ihre Hände gefallen. Beim Verbinden der Wunde erkannte Wilhelm,
dass er ihn unmöglich befehlsmäßig nach Merseburg bringen könnte,
er ließ ihn daher durch seine Leute nur in das Nachbardorf Allerstedt schaffen
und dort in einem festen Steinhause bewachen, während er selbst mit den Seinen
zum Kaiser zurückkehrte. Am gleichen Tag wurden wir vor den Cäsar gerufen
(10.11 1014 nach Merseburg), der sich tief bekümmert über die Frechheit beklagte,
mit der mein Vetter sein Gelübde zunichte gemacht habe…
Nun wüssten wir ja, es sei weit besser, Gott etwas Gutes
gar nicht zu geloben, als ein Gelübde später zu brechen, daher sollten wir
den bitten, dem er solches versprochen habe, er möge ihn durch eine angemessene
Buße belehren, falls er sein Gelübde aus menschlicher Schwäche oder
auf schlechten Rat hin gebrochen habe. Nach dieser bedauernden Erklärung des Kaisers
empfahlen sämtliche Grafen, er möge alle Güter Werners beschlagnahmen,
Herausgabe der Frau verlangen und die Urheber dieses Anschlages entweder gefangen vorführen
oder im Falle ihres Entrinnens bis auf den Tod verfolgen lassen. Der Graf selbst aber
solle nach seiner Genesung hingerichtet werden, wenn er schuldig sei. Sei jedoch alles
im Einverständnis mit der Dame geschehen, so möge er sich am besten mit ihr
vermählen.
Zur Durchführung dieses Beschlusses wurde gleich mein Bruder,
Graf Heinrich, abgesandt und die Aufforderung erlassen, man solle sich zu Allstedt
zur öffentlichen Verhandlung einfinden. Er war schon unterwegs, als die Grafen
zurückkehrten und dem Cäsar das Geschehene meldeten. Am folgenden Tag, dem
Fest des Heiligen Martin, verstarb Werner, nachdem er bis dahin geduldig alles Ungemach
auf sich genommen hatte. Er hinterließ seinen Feinden keinen Gewinn, den Seinen
aber unersetzlichen Verlust. Der König war bekümmert darüber, und sein
Feind Dietrich (Sohn des 1009 von Werner erschlagenen Dedi) vergoss Tränen.
Als ich die Nachricht erhielt, erwirkte ich meinem Vetter Dietrich
Urlaub und ließ die Leiche meines Freundes durch meine Vasallen von Memleben
nach Helfta bringen, wo ich sie erwartete. Da die Leiche schon sehr stark roch, ließ
ich sogleich die Eingeweide herausnehmen und neben meiner Kirche bestatten, dann geleitete
ich den Leib bis Walbeck, wo ich ihn an der linken Seite seiner geliebten Gemahlin
bestattete.
vgl.: Thietmari Merseburgensis Episcopi Chronicon (Thietmar v.
Merseburg, Chronik) ed. R. Holtzmann, Berlin 1966, S.356f.
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