Hodgson 2005 3 460Am Anfang war ein Frauenraub...

Vor fast genau 1000 Jahren, im November des Jahres 1014, trat Burg Beichlingen in das Licht der Geschichte, nicht in einer Ur­kunde, dafür aber im Zusammenhang mit der Schilderung einer letztlich miss­lungenen Entführung der damaligen Burg­herrin Reinhilde.
Der Bischof Thietmar von Merse­burg be­richtet darüber in seiner Chronik. (Auf einem Wandbild, das im Schloß­restaurant zu betrachten ist, hat der Maler Christop Hodgson im Jahr 2005 den Augenblick der Entführung der Rein­hilde dargestellt.)­

Friedrich I. begründet um 1140 das Geschlecht der Grafen von Beichlingen.
Die Grafen von Beichlingen stehen im 12./ 13. Jahrhundert auf dem Höhepunkt ihrer Macht und gehören zu den mächtigsten Herren­geschlechtern Thü­r­­ingens.

Nach deren Machtverfall im 14./15. Jahrhundert kommt die Burganlage 1519 durch Ver­kauf an den Ritter Hans von Werthern /Wiehe. Etwa von 1530 bis 1620 gestalten die Herren von Werthern die Burganlage schrittweise um zu einem Burgschloss im Stile der Spätrenaissance.

Das Schloss bleibt bis 1945 in ungestörtem Besitz der Herren und späteren Grafen von Werthern-Beichlingen und ist seit 1580 Stammsitz dieses Geschlechtes.
Nach der Enteignung der Grafen im Zuge der Bodenreform im Herbst 1945 und der Überführung des gräflichen Eigentums in Volks­eigentum dient die Schloss­anlage ab Frühjahr 1946 bis 1992 verschiedenen Aus­bil­dungseinrichtungen als Heimstatt, von denen die Ingenieurschule für Veteri­när­me­dizin (ISV) die bedeutendste war.

Im Juni 2001 ging die Schlossanlage aus Landesbesitz in Pri­vat­besitz über.


aus der Chronik (Auszug)
Währenddessen (7. November 1014) zog mein Vetter Werner, jugendlich unbedacht und durch weibliche Ränke veranlasst, am Sonntage mit wenigen Begleitern nach der Burg Beichlingen, überlistete die Wachen und suchte die früher von ihm umworbene Burgherrin Reinhilde gegen ihren Willen zu rauben. Sie hatte nämlich früher dem Kaiser das feste Versprechen gegeben, ohne sein Wissen und Wollen werde sie sich keinem Manne vermählen. Und so ließ sie sich nur unter Weinen und Klagen entführen. Als das ihre Hörigen und Vasallen hörten, eilten sie gewaffnet herbei, und Vulrad, einer von ihnen, erhielt eine schwere Wunde.

Nun wollte aber eine ihrer Mägde gleichfalls mitgenommen werden, und als der edle Alwin sie auf Befehl seines Herren aufnehmen wollte, wurde er umringt und musste meinen Vetter, der schon wieder draußen war, zu Hilfe rufen. Leider erhielt er den Todesstoß, bevor er Unterstützung erhalten konnte, und als sein Herr endlich kam, wurde er in der Burg eingeschlossen und von einem Knechte verwundet. Er konnte ihn wohl gleich mit der Lanze durchbohren, an die Wand spießen und die übrigen dadurch abschrecken, sich näher an ihn heranzuwagen. Als er aber merkte, dass die Seinen mit der Frau schon längst draußen waren, er jedoch keine Gelegenheit mehr habe zu entkommen, opferte er plötzlich sein Pferd, sprang von der Mauer herab und erreichte seine bekümmerten Gefährten, wenn auch von Steinwürfen hart mitgenommen. Sie brachten ihn in das Haus eines kaiserlichen Meiers nach Wiehe, wo sie ihn mit wenigen Leuten zurückließen. Dann führten sie in aller Eile die Dame fort und bargen sich mit ihr bald hier, bald dort, während sie in ständiger Sorge auf das Kommen ihres Herren warteten. Doch der ungerechte Verwalter (Luc. 16, 8) verriet seinen kranken Gast sogleich an den Kaiser und zwar zu dessen großer Freude. Er wollte nämlich zum abschrec­kenden Beispiel für andere den in seine Gewalt geratenen entweder hinrichten oder sich für eine außerordentliche Summe loskaufen lassen.
Es war bereits Nacht, als die vom Kaiser entsandten Grafen Bernhard, Gunzelin und Wilhelm mit ihren Mannen an seinem Krankenlager eintrafen. Werner, dem seine Leute ihr Kommen angezeigt hatten, begrüßte nur seinen Freund Wilhelm, den beiden anderen erklärte er: Könnte er sein Schwert brauchen, so wäre er nicht lebend in ihre Hände gefallen. Beim Verbinden der Wunde erkannte Wilhelm, dass er ihn unmöglich befehlsmäßig nach Merseburg bringen könnte, er ließ ihn daher durch seine Leute nur in das Nachbardorf Allerstedt schaffen und dort in einem festen Steinhause bewachen, während er selbst mit den Seinen zum Kaiser zurückkehrte. Am gleichen Tag wurden wir vor den Cäsar gerufen (10.11.1014 nach Merseburg), der sich tief bekümmert über die Frechheit beklagte, mit der mein Vetter sein Gelübde zunichte gemacht habe…
Nun wüssten wir ja, es sei weit besser, Gott etwas Gutes gar nicht zu geloben, als ein Gelübde später zu brechen, daher sollten wir den bitten, dem er solches versprochen habe, er möge ihn durch eine angemessene Buße belehren, falls er sein Gelübde aus menschlicher Schwäche oder auf schlechten Rat hin gebrochen habe. Nach dieser bedauernden Erklärung des Kaisers empfahlen sämtliche Grafen, er möge alle Güter Werners beschlagnahmen, Herausgabe der Frau verlangen und die Urheber dieses Anschlages entweder gefangen vor-führen oder im Falle ihres Entrinnens bis auf den Tod verfolgen lassen. Der Graf selbst aber solle nach seiner Genesung hingerichtet werden, wenn er schuldig sei. Sei jedoch alles im Einverständnis mit der Dame geschehen, so möge er sich am besten mit ihr vermählen.

Zur Durchführung dieses Beschlusses wurde gleich mein Bruder, Graf Heinrich, abgesandt und die Aufforderung erlassen, man solle sich zu Allstedt zur öffentlichen Verhandlung einfinden. Er war schon unterwegs, als die Grafen zurückkehrten und dem Cäsar das Geschehene meldeten. Am folgenden Tag, dem Fest des Heiligen Martin, verstarb Werner, nachdem er bis dahin geduldig alles Ungemach auf sich genommen hatte. Er hinterließ seinen Feinden keinen Gewinn, den Seinen aber unersetzlichen Verlust. Der König war bekümmert darüber, und sein Feind Dietrich (Sohn des 1009 von Werner erschlagenen Dedi) vergoss Tränen.

Als ich die Nachricht erhielt, erwirkte ich meinem Vetter Dietrich Urlaub und ließ die Leiche meines Freundes durch meine Vasallen von Memleben nach Helfta bringen, wo ich sie erwartete. Da die Leiche schon sehr stark roch, ließ ich sogleich die Eingeweide herausnehmen und neben meiner Kirche bestatten, dann geleitete ich den Leib bis Walbeck, wo ich ihn an der linken Seite seiner geliebten Gemahlin bestattete.

vgl.: Thietmari Merseburgensis Episcopi Chronicon (Thietmar v. Merseburg, Chronik)
ed. R. Holtzmann, Berlin 1966, S. 356 ff

 

Der Anlaß für das Jubiläum von Schloss Beichlingen

Mit der ersten schriftlichen Erwähnung beginnt jeweils die Geschichtsschreibung. 
Für das Schloss Beichlingen, das damals eine Burg war, liefert die Chronik des Bischof Thietmar von Merseburg den ersten Text.
Dieser schildert folgendes Ereignis:
Am 7. November des Jahres 1014 ritt der Markgraf Werner von Walbeck mit wenigen Begleitern zur Burg Beichlingen, überlistete die Wachen und entführte die Burgherrin Reinhilde, die sich mit „Weinen und Klagen“ dagegen sträubte. Es kam zu bewaffneten Auseinandersetzungen mit herbeieilenden Vasallen der Burgherrin, wobei Werner verwundet wurde. Die Entführung war zwar gelungen, aber wenig später, am Tag des heiligen Martin, starb der Markgraf in Allerstedt bei Wiehe an seinen Verletzungen. 
So lautet eine Kurzfassung. Die Chronik berichtet noch, dass Reinhilde dem Kaiser das Versprechen gegeben hatte, ohne sein Wissen und seine Billigung keinen Mann zu heiraten. Außerdem wäre der Kaiser, der sich in Merseburg aufhielt, ob der Tat sehr erzürnt und habe die Todesstrafe für den Markgrafen gefordert. Über die Herkunft der Reinhilde und ihr weiteres Schicksal teilt der Chronist nichts mit. Auskunft über die Baulichkeiten gibt die Chronik nur insoweit, dass eine Mauer vorhanden war.
Im Jahre 2005 erhielt der Maler Christoph Hodgson von den Schlossbesitzern den Auftrag zur Ausmalung der Räume des Restaurants. Dabei sollte er „von der betulichen Atmosphäre weg kommen“. Seiner Fantasie entsprang das Wandbild von der Entführung.

Nun ist das Jahr 1014 jedoch nicht gleich das Jahr der Erbauung der Burg. Sie ist älter. Burgmauern und Gebäude aus Stein haben gewöhnlich Wallburgen mit Palisaden als Vorläufer. Das wird auch für Beichlingen vermutet zumal ganz in der Nähe noch heute die Wälle der Monra- und Wendenburg zu erkennen sind.
Bei Untersuchungen des Baugrundes der Umfassungsmauer und der Schlosskirche wurden 1994 Schnitte bis zum gewachsenen Boden eingebracht, den man in 4,5 m Tiefe erreichte. Gefundene Siedlungsabfälle mit frühgeschichtlicher Keramik ordnete man dem 9. Jahrhundert zu.

2013 1602 22Wie die Burg vor 1000 Jahren aussah, kann heute nicht mehr gesagt werden. Im 16. Jahrhundert wurde sie völlig umgebaut. Der einzige Zugang befand sich im Mittelalter auf der Waldseite am heutigen „Kalten Tor“. Dieses war aber auch die schwächste Stelle der Burganlage. Zur Erhöhung der Sicherheit war ein Graben mit Zugbrücke (heute eine Steinbrücke) angelegt. 
Durch das Tor gelangte man in den Wirtschaftshof, wo sich Stallungen, Wohnhäuser für die Burgmannschaft sowie Schmiede, Bäckerei und Brauerei befanden.
Das Hohe Haus als Hauptgebäude der mittelalterlichen Burg bestand schon damals, wenn auch mit anderem Aussehen. An der Westseite des Hohen Hauses befand sich ein natürlicher Abhang, der heute mit Gebäuden („Reitbahn“) bebaut ist. Es ist anzunehmen, dass die mittelalterliche Burganlage hier endete. Eine Wehrmauer stützte den Berg ab und bildete zugleich die äußere Umfassungsmauer. Mit dem Bau des Lehnshauses im 16. Jahrhundert entstand später der untere Schlosshof mit den Wirtschaftsgebäuden.

 

 

Die Grafen von Beichlingen

Wappen Grafen Beichlingen imagesFür die Zeit von 1014, also von der ersten schriftlichen Erwähnung an, bis 1069 existieren keine Nachrichten über die Besitzer der Beichlinger Burganlage. Sie muß innerhalb dieser Zeit in die Verfügungsgewalt des Weimarer Grafenhauses übergegangen sein, denn Markgraf Dedo II. heiratete Adele, die Witwe des Markgrafen Otto von Weimar-Orlamünde. Jener ließ 1069 die Burgen Beichlingen und Scheidungen besetzen und forderte damit König Heinrich IV. heraus. Beichlingen wurde vom Heer des Königs schnell eingenommen und niedergebrannt, offenbar aber bald wieder instandgesetzt. Kunigunde, eine Tochter des Grafen Otto von Weimar-Orlamünde, nahm hier ab 1080 ihren Witwensitz nachdem ihr erster Ehemann Jaroslaw, ein russischer Fürst, ums Leben kam. Sie heiratete Kuno von Northeim, den Sohn des Herzogs Otto von Northeim. Dieser nannte sich ab 1088 Graf von Beichlingen womit die Grafschaft der Beichlinger begründet wurde. Als Graf Kuno im Jahre 1103 einem Mordkomplott zum Opfer fiel, mußte sich, die damals sicher schon betagte Kunigunde, um ihren Besitz zu wahren, zu einer dritten Ehe entschließen. Der Markgraf Wiprecht von Groitzsch (genannt der Ältere) war von 1110 bis zu seinem Tode im Jahre 1125 ihr dritter Ehemann.

Friedrich I., Sohn des Grafen Günther von Schwarzburg, übernimmt 1140 von Großmutter Kunigunde die Grafschaft und wird Stifter der Beichlingischen Linie.
Die Beichlinger Grafen waren seitdem eingebunden in alle für Thüringen wichtigen und auch tragischen Ereignisse, speziell im 12. und 13. Jahrhundert. Von Anfang an suchten und fanden die sie die Nähe zu den Staufern. Die Söhne Friedrichs waren Vertraute von Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) und nahmen an dessen Kriegszügen nach Italien teil. Noch bis zum Ende des 13. Jahrhunderts zählen die Grafen von Beichlingen zu den mächtigsten und einflussreichsten Geschlechtern Thüringens. Zeitweilig verfügten sie neben der Grafschaft Beichlingen auch über die Grafschaften Rotenburg (Kyffhäusergebiet) und Lohra (mit Worbis). Auf dem Höhepunkt ihrer Macht gehörten unter anderem acht Burgen bzw. Schlösser und vier Städte zu ihrem Besitz. In Frankenhausen und Kelbra gründeten sie Klöster. Ihr Hauskloster befand sich in Oldisleben.

Hohes Haus sw Zeichnung 1818Vor allem seit dem 14. Jahrhundert verfiel die Macht des Geschlechtes. Nach und nach mußte der Familienbesitz verpfändet oder veräußert werden. Wiederholte Fehden und verhängnisvolle Parteinahmen schadeten den Machtpositionen des Grafenhauses. Erbteilungen, Schenkungen an geistliche Stiftungen, auch Misswirtschaft und fehlende Sorge um die Familiengüter sowie allzugroße Freigiebigkeit nennen die Geschichtsschreiber als Ursachen.

Adam v BeichlingenTrotz des Verfalls der Macht, vor allen im 15. Jahrhundert, bleiben die Beichlinger hoch angesehen und bekleiden wichtige Ämter. Als Räte, Richter oder Heerführer, als geistliche Würdenträger und Gelehrte waren sie verdienstvoll tätig. 

Deutlich wird das an Adam von Beichlingen(1485–1538). Kaiser Maximilian schlug ihn mit dem Schwert Karls des Großen im Aachen zum Ritter. Er war zeitweilig oberster Kammerrichter zu Speyer und trug den Titel eines Erbmarschalls des Landgrafentums Thüringen. Schuldenhalber mußte er den Familienbesitz Stück für Stück veräußern. Im Jahre 1519 verkaufte er schließlich was noch verblieben war, auch die Stammburg Beichlingen, an Ritter Hans von Werthern (Wiehe). Graf Adam von Beichlingen behielt sich den Titel vor, zog zuerst nach Gebesee und bald darauf nach Krayenburg (Werra), wo er 1538 starb. Seine sieben Söhne blieben kinderlos. Mit Bartolomäus-Friedrich starb im Jahre 1567 das Geschlecht der Grafen von Beichlingen aus.

 

Von der Burg zum Schloss

In der handgeschriebenen Ortschronik des Dorfes Hemleben findet man die Aussage: “... der letzte Graf von Beichlingen hat das Hohe Haus auf dem Schlosshof gebaut, jedoch vor Fertigstellung trat der Verkauf ein.” Damit bestätigt sich die Vermutung, dass Graf Adam von Beichlingen offenbar nicht nur über seine Verhältnisse lebte, sondern auch Bauten verwirklichen wollte, die er nicht mehr finanzieren konnte.

Hans 1555-1633 1Als Ritter Hans von Werthern (1445-1533) die altehrwürdige Beichlinger Grafenburg und mit ihr die umliegenden Dörfer Beichlingen, Altenbeichlingen, Burgwenden und Hemleben im Jahre 1519 kaufte, war dies eine seiner bedeutendsten Erwerbungen, für die immerhin 43.000 Gulden aufzubringen waren. Mit den Herren von Werthern, benannt nach ihrem Stammsitz Klein-Werther (bei Nordhausen), trat ein altes Adelsgeschlecht die Besitznachfolge der Beichlinger Grafen an, das im nördlichen Thüringen ebenfalls alteingesessen, bei Kaiser und Landesherren hoch angesehen war. Seit 1702 führte der jeweilige Besitzer des Schlosses und der Herrschaft Beichlingen den Grafentitel. Hervorgehoben sei, dass Graf Georg von Werthern (1816-1895) erfolgreich als preußischer Diplomat in mehreren Ländern wirkte. 

Die Umgestaltung der Burganlage zum Renaissanceschloss wurde wesentlich von Wolfgang von Werthern (1519-1583) und Johann von Werthern (1555-1633) veranlasst. Das Hohe Haus erhielt ein Satteldach. Der Dachfirst liegt so hoch, dass noch drei Geschosse eingefügt werden können. Dendrochronologische Untersuchungen an Dachbalken ergaben, dass die Hölzer 1496 geschlagen worden sind. Außerdem bricht man große Fenster in die Wände des Hohen Hauses. Es geht nicht mehr um Verteidigung, sondern um Wohnqualität und es gab jetzt Fensterglas. Auf einem der steinernen Rahmen ist die Jahreszahl 1543 vermerkt. Etwa 1580 bis 1600 erfolgte die Renovierung der Innenräume in beiden Obergeschossen. Der Einbau von Kaminen, die Einrichtung eines Stuckzimmers, Stuckportale innerhalb des Haues sowie bemalte Bohlenwände und Balkendecken sind noch heute vorhanden. Der Treppenturm an der Ostseite, von dem aus man alle Stockwerke erreichen kann, entstand 1592. Den Eingang zum Treppenturm bildete ein Sandsteinportal. Es ist heute am Neuen Schloss angebracht und ist ein Werk von Hans Friedemann d. Ä., einem bedeutenden Bildhauer aus Erfurt. 

Das Hohe Haus diente ab dem 19. Jh. nicht mehr Wohnzwecken, so dass es an Zeugnissen der damaligen Einrichtung mangelt. Nach dem Ausbau des Neuen Schlosses befanden sich die gräflichen Wohnräume dort. 
Auch die Entstehungszeit des Gebäudes der Schlosskirche dürfte in die Jahre um 1500 bis 1515 zu datieren sein. Ähnlich wie beim Hohen Haus wurde offenbar dieser Bau ebenfalls nicht vollendet. Das rechteckige Gebäude, annähernd ost-westlich ausgerichtet und ursprünglich freistehend, dürfte auf Grund fehlender spätgotischer Ausgestaltung vermutlich nicht sofort sakralen Zwecken gedient haben.

Das Lehnshaus war ein Neubau. Die Steinköpfe des Hauptportals tragen die Jahreszahlen MDLVI bzw. MDLVII. Es enthielt eine Wachstube, eine Gerichtsstube und einen Gefängnisraum. Das erste Obergeschoss nahm in seiner gesamten Länge der Lehnssaal ein. Seither erfuhr es einige Veränderungen. Der anschließende Wirtschaftshof dürfte erst im 19. Jh. vollendet worden sein. 
Neben ihren öffentlichen Ämtern setzten sich die Grafen von Werthern in der Zeit von 1519 bis 1945 für die Erhaltung und den Ausbau des Herrschaftssitzes ein.

 

Schloss Beichlingen als Bildungsstätte

Neulehrer GeschichteDen zweiten Weltkrieg überstanden die Gebäude des Schlosses ohne Schäden. 
Übrigens gibt es auch keine Berichte darüber, dass 1525 in der Umgebung umherziehende Bauernheere oder Truppen im Dreißigjährigen Krieg Zerstörungen verursachten. Kriegsflüchtlinge und Umsiedler fanden 1945 hier zunächst eine Unterkunft, wodurch viele Räume belegt waren. Die, in der damaligen sowjetisch besetzten Zone durchgeführte Bodenreform, bestimmte das Schloss als „Eigentum des Volkes“.

Zur Realisierung einer künftig humanistischen Erziehung der Jugend bestand kurzfristig ein hoher Bedarf an unvorbelasteten Lehrern. Beginnend am 17.01.1946 befähigte man in an der Lehrerbildungsanstalt Beichlingen in sechs Lehrgänge 450 Neulehrer. Die Einrichtung unterstand damals der Regierung Land Sachsen-Anhalt (Provinz Halle) und wurde von Regierungsrat Friedrich Toepfer geleitet. 

Kigä M A Nexö 020452 bKindergärten waren zum Teil eine Kriegsfolge, Kriegswitwen mit Kindern mussten durch Arbeit für den Unterhalt sorgen; zum anderen braucht die Gesellschaft die Arbeitskraft der Mütter. Die Kinderbetreuung und Erziehung im Vorschulalter erforderte jedoch Fachkräfte. Im Jahre1952 begann die Ausbildung in Beichlingen. 180 Kindergärtnerinnen absolvierten 1952 zwei Sechsmonate-Lehrgänge. Die „Pädagogische Schule“ in Beichlingen wird im Herbst 1955 geschlossen und die Ausbildung nach Halle verlagert. Vielen Beteiligten blieb die feierliche Namensgebung „Martin Andersen Nexö“ am 22.04.1952, an der der Dichter teilnahm, in Erinnerung.

Die Voraussetzungen für Schulungen aber auch für Unterbringung und Versorgung nutzend wurde hier von 1955 bis 1960 eine Organisationsschule der VdgB eingerichtet. In Lehrgängen unterschiedlicher Dauer schulte man Mitarbeiter der BHG (Bäuerliche-Handels-Genossenschaft). Hinzu kamen Buchhalter für landwirtschaftliche Betriebe und Einrichtungen sowie Landwirte. 
Durch Anwendung wissenschaftlicher Erkenntnisse und moderner Technologien galt es, die Erzeugung von Agrarprodukten zu erhöhen. Die Qualifizierung von Fachkräften für die Landwirtschaft erhält einen hohen Stellenwert. Es war auch die Zeit der Gründung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG). Als Fachschule für Landwirtschaft, später Fachschule für Veterinärmedizin bildete man in Beichlingen ab 1960 Besamungstechniker, Tiergesundheitshelfer, Veterinärhelfer und Veterinärtechniker aus.

Die Ingenieurschule für Veterinärmedizin wurde im Jahre 1969 gegründet und zu einer leistungsfähigen Bildungseinrichtung ausgebaut. Drei modern ausgestattete Hörsäle, drei Lehrlabore, ein Großtieroperationsraum, ein Behandlungsraum für Kleintiere, drei Wohnheime mit insgesamt 468 Plätzen, eine Mensa, eine Sporthalle und viele weitere Einrichtungen entstanden bis 1984.

im Computerkabinett 1450 Studierende konnten hier eine fundierte dreijährige Ausbildung erhalten. Dafür sorgten 30 Fachschullehrer, darunter 12 Tierärzte, sowie ebenso viele Ingenieure für Lehre und Forschung. Weitere 60 angestellte Personen waren für die Betreuung und zur Sicherung des technischen Ablaufes zuständig. 
Im dreijährigen Studium erwarben junge Leute die Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten zur Ausübung einer verantwortungsvollen, interessanten Tätigkeit. Veterinäringenieure arbeiteten eigenverantwortlich an der Seite von Tierärzten in den unterschiedlichen Bereichen des Veterinärwesens. Von 1969 bis 1990 wurden in Beichlingen 2.738 Veterinäringenieure/Tierproduktion ausgebildet. Außerdem erwarben von 1985 bis 1992 192 den Abschluss als Veterinäringenieur für Labordiagnostik.
Die politische Wende im Jahre 1989 beendet die Tätigkeit der Ingenieurschule für Veterinärmedizin Beichlingen als staatlich finanzierte und geleitete Bildungseinrichtung. Im August 1992 erfolgt ihre endgültige Auflösung.

Im September 1990 gründete sich die Akademie Schloss Beichlingen GmbH, mit dem Ziel, durch Bildungsmaßnahmen das Schloss förderhin, nun in privatwirtschaftlicher Initiative, zu nutzen. Dem entsprachen z. B. Lehrgänge zur Aufstiegsfortbildung in „angewandter Biologie und Umweltschutz“ sowie Lehrgänge mit Übungen in „laparoskopischer Chirurgie“. Neben der Nutzung der Lehrräume baute man das Neue Schloss zum Hotel und Restaurant um.

Ein Zwischenspiel gab es 1994 bis 1997 mit der zeitweiligen Ansiedlung der Außenstelle der Verwaltungsfachhochschule Meiningen, Fachbereich: Polizei.

Mit der Beendigung der Tätigkeit der Akademie im Dezember 1999, findet die Ära der Nutzung von Schloss Beichlingen als Bildungsstätte ihren Abschluss.


„Rettung“ von Schloss Beichlingen

Was wird nach 1989 aus Schloss Beichlingen?
Schäden 1Klar ist sehr bald: „Die Ausbildung von Veterinäringenieuren wird es nicht mehr geben.“ Es zeichnet sich auch ab, dass grundsätzlich kein staatliches Interesse an der Nutzung als Bildungseinrichtung besteht.

Ein „Förderverein zur Rettung von Schloss Beichlingen e.V.“ wird am 06.07.1991 unter Betreuung erfahrener Bundesbürger gegründet. Die Bemühungen sind vielseitig. Die Retter (stellvertretend sei Hr. Paul G. Böing aus Korschenbroich genannt) bemühten sich redlich, das unter der Obhut der Landesregierung stehende Objekt zu beleben; denn Nutzung bedeutet Rettung vor dem Verfall.

Dauerhaftes einzurichten, gelang leider nicht: 
• Die Ingenieurschule für Veterinärmedizin endete im Sommer 1992 durch Abwicklung.
• Die Installation einer Ausbildung im Umweltschutz gelang den Initiatoren nicht.
• Die Akademie Schloss Beichlingen GmbH nutzte einen Teil des Objektes bis 1999.
• Der Regionalverband Mittelständiger Unternehmen zog wieder aus.
• Die Thüringer Verwaltungsfachhochschule, Fachbereich Polizei, gab ein Zeitspiel.
• Einzig die Nutzung des Neuen Schlosses als Gaststätte und Hotel hat seit 1990 Bestand, wenn auch mit Unterbrechungen.

Rep Giebel 09 05Erfolgreicher waren die Bemühungen um die Sicherung der wertvollen historischen Bausubstanz. Zu diesem Zweck richtete man im Oktober 1991 ein Baubüro ein, das Architekturbüro Leo Breuer GbR aus Korschenbroich, Kr. Neuß (NRW). In diesem wirkte auch Herr Dr. Kurt Weinrich als Bauingenieur. 

Der gemeinnützige Förderverein konnte jedoch nicht Träger von Baumaßnahmen sein. Die Verwaltung, der Einsatz und die Abrechnung der Fördermittel und Spenden sowie die Vertragsabschlüsse mit Baubetrieben erfolgten zunächst durch die Akademie Schloss Beichlingen GmbH unter ihrem Geschäftsführer Herrn Jürgen Wittnebert. Diese war bereits 1990 mit der Zielstellung gegründet worden, das Schloss Beichlingen zu einer modernen Bildungsstätte mit niveauvollem Wohn- und Gesellschaftstrakt umzubauen. Mit der Einrichtung attraktiver Gästezimmer sowie der Modernisierung der Küche, der Heizung und Sanitäranlagen im Neuen Schloss ging man an die Umsetzung. 

Bis 2001 wurde außerdem enorm viel in die alte Bausubstanz investiert. Dafür konnten finanzielle Mittel bei der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, der Thüringer Städtebauförderung, der Landesregierung und anderen Instanzen beantragt werden.

HH Nord Decke 2001 12Besonders gelungen ist die aufwendige Instandsetzung der Schlosskirche. Diese befand sich, mangels Nutzung und Sicherung während der 45 Jahre vor der Wende, in beklagenswertem Zustand. Eindringendes Wasser, der Hausschwamm und auch mutwillige Zerstörungen hatten Schäden verursacht. Allein 3,8 Mio. DM wurden benötigt, um von 1991 bis 1999 ein Schmuckstück zu schaffen. Handwerker unterschiedlicher Gewerke bewiesen engagiert ihr Können.

Das „Brennerei“ genannt Wirtschaftsgebäude kam ebenfalls in die Kur. Die westliche Wand mußte gefangen, der Dachstuhl repariert und das Dach mit Naturschiefer neu gedeckt werden. Umfangreich war zudem der Ausbau im Nordteil des Hohen Hauses. Hier erfolgte der Einbau nicht mehr vorhandener Zwischendecken. Auch die Grabstätte des Grafen Georg von Werthern auf dem Weißen Berg hatte eine Kosmetik nötig und bekam diese.

Der Verein, der sich 1994 in „Förderverein Schloss Beichlingen e.V.“ umbenannte, geht davon aus, dass Rettung nicht nur bedeutet, den Verfall zu einer Ruine zu verhindern. Das Schloss soll bekannt und für Besucher offen sein. Wenn heute zu Veranstaltungen oder zur Besichtigung der historischen Gebäude des Schlosses und zu Ausstellungen eingeladen werden kann, so erinnert man sich kaum daran, wie viel Arbeit inzwischen investiert worden ist. 

Nun erscheint die Frage berechtigt: „Ist Schloss Beichlingen, das sich seit 2001 in Privatbesitz befindet, gerettet?“ Sie kann mit „Ja“ beantwortet werden. Die historischen Bauten sind gesichert und mit Leben erfüllt. Die neu errichteten Gebäude im unteren Schlosshof und auch das Lehnshaus bleiben mangels Nutzung in mehr als 20 Jahren jedoch noch gefährdet. 

Die Fortsetzung der denkmalpflegerischen Aktivitäten der Schlosseigentümer wird dem Schloss an der Schmücke die Zukunft sichern. Die 1000jährige Geschichte fasst der Förderverein als Verpflichtung auf, dabei aktiv mit zu wirken.         Dr. Werner Ludewig

 

Bildungseinrichtungen auf Schloss Beichlingen: Schloss Beichlingen war von 1946 bis 1999 Bildungsstätte.

 1946 bis 1951 Lehrerbildungsanstalt (LBA): Ausbildung von „Neulehrern“ 
1952 bis 1955

Erzieherschule Martin Andersen Nexö (ab 1953 „Pädagogische Schule“)

Ausbildung von Kindergärtnerinnen

1955 bis 1960

 Organisationsschule der VdgB, unterstellt dem Zentralvorstand

1960 bis 1961

Fachschule für Landwirtschaft, unterstellt dem Rat des Bezirkes Erfurt

Ausbildung von Besamungstechnikern und Tiergesundheitshelfern

1961 bis 1963

Außenstelle der Fachschule für Veterinärmedizin Rostock: Ausbildung von Veterinärhelfern

1963 bis 1969

Fachschule für Veterinärmedizin Beichlingen

kombiniertes, später Wechselstudium Ausbildung von Veterinärtechnikern in 2-Jahres-Lehrgängen      

1969 bis 1992

Ingenieurschule für Veterinärmedizin: dreijähriges Studium zum Veterinäringenieur

1990 bis 1999

Akademie Schloss Beichlingen GmbH: Fortbildung und Spezialkurse

1994 bis 1997

Außenstelle der Verwaltungsfachhochschule Meiningen, Fachbereich: Polizei

Okt. 1994  bis März 1996   Ausbildung

April 1996  bis März 1997   Fortbildung

 

 

Anfahrt und Kontakt

Eingebettet in eine abwechslungsreiche, bewaldete Hügellandschaft am nordöstlichen Rand des Thüringer Beckens hat sich mit Schloss Beichlingen ein imposantes und vielseitiges Baudenkmal über Jahrhunderte erhalten.

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Restaurant Schloss Beichlingen lädt die Gäste am 28. und 29. März zum Osternbüfett ein.